Zu viel zu tun, zu wenig Zeit. Das kennst du sicherlich als Content-Verantwortliche:r – ob im Team oder solo. Neue Ideen entstehen schneller, als wir „alte“ umsetzen können. Jedes neue Thema klingt plausibel, jedes neue Format hat Potenzial. Aber irgendwo zwischen den überfälligen Content-Updates und dem nächsten Meeting fragst du dich vielleicht auch gelegentlich: Wo fange ich am besten an?!
Selbstständige haben dahingehend eine gute Intuition entwickelt und wählen nach Präferenz, nach Zeit und nach dem, was ihnen persönlich gerade relevant erscheint. Teams versuchen das oft zu systematisieren, mit Priorisierungs-Frameworks, Planungstools oder Meetings. Das alles funktioniert auch bis zu einem bestimmten Punkt, denn diese Methoden beantworten zwar die Frage: „Welche Idee setzen wir zuerst um?“, aber nicht die kritischere Frage: „Auf welcher Grundlage entscheiden wir das überhaupt?“
Genau hier liegt ein blinder Fleck vieler Content-Strategien – und damit vielleicht die eigentliche Ursache des Ressourcenproblems: Es fehlen Elemente, die strategische Entscheidungen ermöglichen.
Ich komme zu dieser Einschätzung, weil im berufsbegleitenden Masterstudiengang „Content Strategy“ an der FH JOANNEUM in Graz (übrigens einer der wenigen weltweit, die diese Disziplin mit dem Anspruch echter Praxisintegration lehren) seit mehr als zehn Jahren Content-Strategien als Abschlussarbeiten, die auf realen Unternehmensprojekten basieren, erstellt werden. Keine theoretischen Literaturarbeiten, sondern praktische Feldforschung. Als Dozent begleite ich solche Arbeiten seit mehr als fünf Jahren und erkenne dabei ein konsistentes Muster: Bestimmte Analyse- und Syntheseschritte tauchen häufig auf, weil sie für die Praxis notwendig sind. In der Praxisliteratur hingegen fehlen genau diese Elemente fast vollständig.
Welche Elemente das im Einzelnen sind und warum keines davon in der Praxisliteratur so präsent ist wie in der akademischen Ausbildung, das zeige ich dir im Folgenden. Wenn du verstehst, warum diese Lücke existiert, verstehst du auch, warum so viele Content-Strategien am Ende doch nur Produktionspläne sind und langfristig scheitern. Konkret erkläre ich dir in diesem Artikel:
- warum die Praxisliteratur und KI-Tools dieselbe analytische Lücke reproduzieren – und wie du sie in deiner eigenen Content-Strategie erkennst,
- welche fünf Elemente in akademisch fundierten Strategien verlässlich auftauchen und wie sie aufeinander aufbauen – damit du weißt, wo du anfangen kannst,
- warum das kein Wissensproblem ist, sondern ein strukturelles – und wie du das auflösen kannst,
- drei Reflexionsfragen, anhand derer du selbst prüfen kannst, ob deine Content-Strategie betroffen ist und wo deine größte Lücke liegt.
Warum du mit jeder Suche dieselbe Antwort bekommst – und was das über die Lücke verrät
Die kritische Lücke wird deutlicher, wenn wir zuerst sehen, was sie umgibt.
Ich habe mir in Büchern, Fachartikeln und mithilfe von KI-Tools einen Überblick darüber verschafft, welche Elemente den Diskurs dominieren, wenn es um Content-Strategien geht. Du kannst das in wenigen Sekunden selbst nachvollziehen: Ein Prompt oder ein Blick in die Suchergebnisse zu „Was gehört in eine Content-Strategie?“ liefert dasselbe Bild:
Aufschlussreich ist dabei nicht nur, was da steht, sondern auch, was es über unseren Informationskreislauf verrät. KI-Tools wie Gemini, ChatGPT oder Perplexity synthetisieren das, was wir aus unserer Praxis heraus schreiben – und das sind vorwiegend operative Themen: was wir tun und wie. Wenn du als Content-Verantwortliche:r „Was gehört in eine Content-Strategie?“ suchst, bekommst du genau das bestätigt, was du ohnehin schon hast. Die analytische Lücke reproduziert sich selbst – nicht weil die Tools schlecht sind, sondern weil sie genau die Quellen aggregieren, die die Lücke bereits enthalten.
Dass einzelne Begriffe wie „Content Audit“ oder „Customer Journey“ auftauchen, ändert daran wenig. Entscheidend ist nicht, ob ein Element genannt wird, sondern wie: als eigenständiger Analyseschritt – oder als ein Punkt unter vielen in einer operativen Aufzählung.
Dasselbe Muster zeigt sich in den einflussreichsten Büchern des Feldes. Halvorson und Rach (2012) beschreiben Zielgruppe, Ziele und Inhalte als Kerngerüst jeder Strategie. Kissane (2011) definiert guten Content als angemessen, nützlich und nutzerzentriert. Fast jede Empfehlung dreht sich um dasselbe Set: Themen, Zielgruppe, Ziele, Distribution, Redaktionsplanung.
Das sind keine schlechten Empfehlungen; sie sind notwendig. Aber das reicht nicht.
Dieses Kern-Set beantwortet vorrangig die Frage: Was produzieren wir? Was es nicht beantwortet: Warum genau das – und nicht etwas anderes? Und grundlegender: Woran erkennen wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben?
Das sind keine Detailfragen. Es sind die Fragen, auf die jede Priorisierungsentscheidung zurückführbar sein muss – und genau deshalb ist der Befund so folgenreich.
Was Masterarbeiten sofort zeigen, die Praxisliteratur aber immer verschweigt
An der FH JOANNEUM entstehen Abschlussarbeiten, die ausnahmslos auf realen Unternehmensprojekten basieren. 34 dieser Arbeiten aus den Jahren 2022 bis 2025 habe ich mithilfe von KI-Tools systematisch ausgewertet. Das ist zwar kein repräsentatives Sample, aber das Muster ist konsistent genug, um belastbare Aussagen zu machen.
Bestimmte Elemente tauchen in diesen Arbeiten nämlich als methodische Standardschritte in einer Häufigkeit auf, die zeigt, dass sie für akademisch fundierte Strategien Pflicht sind. Competitive Analysis findet sich in über 80 % der Arbeiten, Content Audit in knapp 70 % und Content Governance in fast der Hälfte. In der Praxisliteratur hingegen fehlen genau diese Elemente oder sie tauchen nur am Rand auf. Die Diskrepanz ist auffällig – aber warum ist das so?
Meine These: Es liegt nicht an mangelndem Wissen, sondern am Anreizsystem.
Pfeffer und Sutton (2000) haben in The Knowing-Doing Gap gezeigt, dass Organisationen systematisch zwischen dem, was sie wissen, und dem, was sie tun, auseinanderdriften – weil Analyse kein sichtbares Ergebnis produziert. Ein Audit ist keine Kampagne. Eine Competitive Analysis ist keine Headline. Governance ist kein Launch. Diese Elemente erzeugen keinen Output, den du deinem Kunden, deiner Führungskraft oder deinem Team zeigen kannst – und das macht sie institutionell verwundbar.
Kahneman (2011) liefert die kognitive Ergänzung: Unter Zeitdruck neigen wir zu schnellen, intuitiven Entscheidungen: System-1-Denken. Analyse ist System-2-Arbeit und sie erfordert Energie, Zeit und Toleranz für Unsicherheit. Wer ohnehin zu wenig Ressourcen hat, überspringt sie als Erstes – nicht aus Fahrlässigkeit, sondern aus kognitiver Ökonomie.
Das ist der Einwand, den ich in der Beratung regelmäßig höre: „Aber Analyse kostet selbst Zeit, die wir nicht haben.“ Er ist berechtigt. Ein Content Audit, eine strukturierte Wettbewerbsanalyse, eine sauber erarbeitete Positionierung sind keine Nachmittagsarbeit; die Investition ist real. Aber was ebenfalls real ist: Jede Entscheidung, die du ohne diese Grundlage triffst, kostet Ressourcen, die du nicht zurückbekommst. Nicht nur die Produktionszeit für den Inhalt selbst – sondern auch die Zeit für Abstimmungen, Korrekturen und die Folgefrage, warum es nicht funktioniert hat. Analyse ist kein zusätzlicher Aufwand neben der Arbeit. Sie ist der Aufwand, der alle anderen Arbeiten billiger macht.
Was ich auch in meiner Beratungsarbeit regelmäßig erlebe: Wenn ich frage, was Wettbewerber tun, kommt immer eine Antwort – aber sie bezieht sich fast ausnahmslos auf das sichtbare Was: „Wettbewerber X publiziert viel zum Thema Y.“ Das ist Marktbeobachtung, keine Wettbewerbsanalyse. Was fehlt, ist das Warum: Welche strategische Absicht steckt dahinter? Welche Lücke soll geschlossen werden?
Dasselbe Bild bei Content-Performance: Zahlen zu Impressionen, Rankings und Traffic sind schnell zur Hand. Aber welche inhaltlichen Prinzipien erklären, warum ein Inhalt funktioniert oder nicht? Ohne diese Erklärungsebene ist Performance-Messung ein Rückspiegel ohne Steuer.
⚡ Selbstreflexion: Wenn du nicht beantworten kannst, warum dein Wettbewerber einen bestimmten Inhalt publiziert hat – nicht nur was, sondern warum –, dann beobachtest du den Markt nur. Wettbewerbsanalyse fängt da erst an.
Das ist kein Vorwurf. Diese Lücke wird in der Content-Praxis durch Ziele und Vorgaben, die etwas anderes prämieren (nämlich Reichweite, Leads oder die Publikationsfrequenz), erzeugt. Wer daran gemessen wird, optimiert dafür. Und wir wissen alle, dass, sobald eine Kennzahl zum (alleinigen) Ziel erhoben wird, sie ihre Eignung als Erfolgsmaßstab verliert (vgl. Strathern 1997; Goodhart 1975). Analyse fällt nicht aus Unwissen weg, sondern weil sie im Wettbewerb um begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit systematisch verliert.
Was dann fehlt, ist nicht Methodik. Es ist die Grundlage, auf der jede Priorisierungsentscheidung ruhen müsste.
Das strategische Rückgrat: Fünf Elemente, die aus der Analyse eine Entscheidung machen
Die folgenden fünf Elemente sind in akademisch fundierten Content-Strategien stets präsent. Nicht als Checkliste, aber sie bauen aufeinander auf. Wer einzelne überspringt, schwächt nicht nur dieses Element, sondern alle, die darauf folgen.
Ebene 1: Analyse – Die Realität verstehen
1. Content Audit
Ein Content-Audit ist die systematische Bestandsaufnahme dessen, was bereits existiert – quantitativ (Was haben wir?) und qualitativ (Was davon ist noch relevant, aktuell, strategisch sinnvoll?). Paula Land (2014) beschreibt den Audit als notwendige Voraussetzung jeder strategischen Entscheidung über Content: Wer nicht weiß, was vorhanden ist, kann weder Lücken benennen noch Redundanzen erkennen noch Ressourcen sinnvoll einsetzen.
Planung ohne Bestandsaufnahme basiert auf Annahmen, nicht auf Fakten.
2. Competitive Analysis
Porter (1980) hat Strategie als relationales Konzept beschrieben: Eine Position ist nur sinnvoll in Bezug auf andere Positionen. Das gilt auch für Content. Wer nicht weiß, welche inhaltlichen Positionen im eigenen Feld bereits besetzt sind, kann sich nicht bewusst davon differenzieren.
Das Ergebnis einer strukturierten Wettbewerbsanalyse ist deshalb keine Sammlung von Beobachtungen, sondern eine Landkarte: Wo gibt es inhaltliche Überlappungen? Wo entsteht Raum, den du besetzen kannst? Und wo differenzierst du dich bereits, ohne es zu wissen? Diese Landkarte ist die Voraussetzung für den Syntheseschritt auf Ebene 2.
3. Customer Journey
Eine Persona beschreibt semifiktiv, wer dein Publikum ist. Aber selbst die präziseste Persona beantwortet eine entscheidende Frage nicht: Wann kommt diese Person mit deinem Content in Berührung – und mit welcher Absicht?
Die Persona ist eine Hypothese über einen Menschen. Die Journey ist der Kontext, in dem dieser Mensch handelt. Erst wenn du weißt, in welchem Moment ein Thema relevant wird – ob deine Zielgruppe gerade ein Problem erkennt, eine Entscheidung vorbereitet oder eine Handlung vollzieht –, weißt du, welchen Content du liefern musst und auf welchem Kanal.
Google hat diesen Gedanken mit dem Konzept der Micro-Moments operationalisiert: Menschen wenden sich in konkreten Situationen an digitale Inhalte – mit Bedürfnissen wie „help me“, „show me“ oder „orientate me“. Content, der keines dieser Bedürfnisse spezifisch adressiert, kommuniziert am Publikum vorbei – auch wenn das Thema passt.
Der Übergang von Zielgruppenanalyse zur Kanalentscheidung ist ohne Journey-Verständnis eine Lücke, die in der Praxis durch Intuition gefüllt wird. Content-Kalender werden nach Themen gebaut, nicht nach Momenten. Das Ergebnis ist Content, der inhaltlich passt, aber zur falschen Zeit am falschen Ort erscheint.
Auch dieser Artikel ist für einen bestimmten Moment geschrieben: den, in dem du spürst, dass deine Content-Strategie eher ein Produktionsplan ist – du aber noch nicht weißt, warum. Das Symptom ist kein Ressourcenproblem; es ist ein Strukturproblem und es hat einen Namen.
Ebene 2: Synthese – Richtung ableiten
4. Strategic Positioning
Die strategische Positionierung ist das Element, das am seltensten explizit ausgearbeitet wird. Sie kann aber nicht aus dem Nichts entstehen, sondern ergibt sich stets aus dem, was Audit, Competitive Analysis und Customer Journey gemeinsam sichtbar machen.
Strategic Positioning ist zugleich ein Prozess und ein Artefakt.
Der Prozess ist der Syntheseschritt, der aus drei Analyserichtungen eine Richtungsentscheidung macht. Rumelt (2011) nennt ihn die „Guiding Policy“ – das Prinzip, das Analyse in Handlungsfähigkeit übersetzt. Ohne diesen Schritt bleiben Audit, Competitive Analysis und Customer Journey folgenlose Einzelbefunde: Sie stehen nebeneinander, zeigen aber keine Richtung. Auch in den Masterarbeiten bleibt dieser Syntheseschritt am häufigsten implizit – Analysemethoden und Strategie-Outputs werden benannt, der Transformationsschritt dazwischen jedoch nicht weiter beschrieben.
Das Artefakt ist das, was aus diesem Prozess hervorgeht: ein Strategy Statement – eine formulierte Aussage darüber, wofür dein Content steht, für wen und in Abgrenzung zu wem. Halvorson und Rach (2012) beschreiben es als das Herzstück jeder Content-Strategie. Bloomstein (2012) arbeitet es über Message Architecture aus: eine hierarchisch strukturierte Botschaften-Architektur, die inhaltliche Entscheidungen auf allen Ebenen anleitet. Beide beschreiben das Artefakt, nicht den Weg dorthin – und genau dieser Weg ist das, was in der Praxis fehlt.
Strategic Positioning beantwortet zwei Fragen, die zusammengehören.
- Wer willst du sein? Positionierung ist keine Zielfrage, sondern eine Identitätsfrage. Ziele beschreiben, was du erreichen willst. Positionierung beschreibt, wer du dabei bist: als Stimme in deinem Feld, als Perspektive, als Beitrag.
- In Abgrenzung wozu? Porter (1996) hat gezeigt, dass eine strategische Position nur dann stabil ist, wenn sie Entscheidungen darüber impliziert, was du nicht tust. Eine Positionierung, die überall passt, passt nirgendwo.
Strategic Positioning ≠ Branding
Eine Abgrenzung, die im Alltag häufig verwischt wird: Strategic Positioning ist nicht Branding. Branding definiert den Auftritt – Ton, Optik, Sprache. Positionierung definiert Entscheidungen – worüber du sprichst, aus welcher Perspektive, an wen gerichtet und in Abgrenzung zu wem.
Wenn du dich jetzt fragst, ob das nicht dasselbe ist wie Content Themes (du erinnerst dich an meinen Artikel), dann ist die Antwort ganz klar: Nein. Denn das Theme – die formulierte Leitidee, die alle deine Inhalte verbindet – ist das Ergebnis der strategischen Positionierung, nicht ihr Äquivalent. Im Themes-Artikel beschreibe ich, wie du dein Theme entwickelst, aber nicht, warum genau dieses Theme und ob es dich tatsächlich differenziert.
Hier zeigt sich, warum die drei Analyse-Elemente auf Ebene 1 so wertvoll sind:
- Ein Content Audit zeigt dir, ob dein Theme zum bestehenden Portfolio passt.
- Die Competitive Analysis zeigt dir, ob du einen Raum besetzt, in dem noch Platz ist.
- Und die Customer Journey ersetzt die Frage „Welches Thema finde ich interessant?“ durch die entscheidendere: „In welchem Moment wird dieses Theme/Thema für meine Zielgruppe relevant – und adressiert es dort eine echte Frage?“
Themen, die nicht aus dieser Positionierung entstehen, sind nicht falsch, aber auch nicht strategisch wirksam.
Ebene 3: Content Operations – Inhalte nachhaltig umsetzen
5. Content Governance
Strategie, die nicht gepflegt wird, veraltet, genauso wie unsere Inhalte selbst. Content Governance ist das Element, das dafür sorgt, dass Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch konsequent umgesetzt werden – unabhängig davon, wer gerade im Team ist, wer neu dazukommt oder wer geht.
Und das ist auch der eigentliche Kern von Governance. Nicht die Qualitätssicherung, Styleguides oder redaktionelle Regeln, sondern die Unabhängigkeit einer Content-Strategie von einzelnen Personen. Wer täglich Artikel schreibt und weiß, was einen guten Artikel ausmacht, hat kein Governance-Problem. Wer das aber nicht so beschreiben kann, dass jemand anderes dieselben Entscheidungen treffen würde, hat eine implizite Strategie, die von einer Person abhängig ist. Das skaliert nicht und es überlebt auch keinen Personalwechsel.
Content Governance definiert deshalb drei Dinge: wer welche Entscheidungen über Content treffen darf (definiert als Rollen, nicht über Personen), auf welcher Grundlage diese Entscheidungen getroffen werden, und nach welchem Prozess Content überprüft, aktualisiert oder zurückgezogen wird. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Positionierung aus Ebene 2 nicht mit dem nächsten Quartalsziel oder dem nächsten Wechsel im Team verloren geht. Es ist das, was kreative Entscheidungen reproduzierbar macht, ohne den Output zu standardisieren.
Ryan Law, Director of Content Marketing bei Ahrefs, hat auf LinkedIn einen ernüchternden Befund geteilt: Von 1.642 Artikeln im Ahrefs-Blog erwähnen 366 kein einziges der mittlerweile über 15 Kernprodukte des Unternehmens. Neuere Produkte tauchen in weniger als 6 % der Artikel auf.
Daraufhin hat Ryan das Tool „Agent A“ entwickelt, das Blogartikel crawlt, Produkt-Erwähnungen analysiert (siehe Screenshot oben) und daraus eine priorisierte Roadmap für Content-Aktualisierungen erstellt.
Das Bemerkenswerte ist der Befund dahinter: Ein Unternehmen mit über tausend Artikeln und einem der wohl professionellsten Content-Teams in der Branche hatte (dem Anschein nach) keine dokumentierte Grundlage dafür, welche Inhalte welche Produkte erwähnen sollen – und in welchem Kontext. Ihr neues Tool macht diese Lücke jetzt erst sichtbar. Geschlossen wird sie aber langfristig nur durch Prinzipien: Was zählt als relevante Produkt-Erwähnung? Welche Inhalte priorisieren welche Produkte? Nach welchem Kriterium entscheiden wir, was aktualisiert wird? etc.
Ohne diese Grundlage liefert das Tool Zahlen. Mit ihr liefert es Entscheidungen.
Governance ist damit nicht der Gegensatz zum modernen Content-Tooling, sondern dessen Voraussetzung. Wer seine Prinzipien nicht dokumentiert hat, kann sie auch nicht automatisiert prüfen lassen.
In der akademischen Ausbildung wird Governance als eigenes Kapitel behandelt – mit Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsregeln. In der Praxis wird sie häufig auf einen Redaktionskalender reduziert, der vorrangig beantwortet, wann was publiziert werden soll.
Falls du meinen Artikel zur Unterscheidung von Redaktionsplänen, Content-Plänen und Themenplänen noch nicht gelesen hast, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.
Diese fünf Elemente zusammen ergeben keine Checkliste, sondern eine Architektur. Ich nenne sie Content Strategy Spine – und das Bild ist bewusst gewählt. Denn eine Wirbelsäule hält uns nicht nur aufrecht, sondern verbindet, überträgt und schützt. Fällt ein Wirbel aus, kompensieren die anderen – bis auch das nicht mehr funktioniert.
Ohne diese fünf Elemente fehlt jeder Content-Aktivität das Rückgrat. Nicht sofort. Aber früh genug, dass man es spürt: in Entscheidungen, die sich schwerer anfühlen, als sie sollten. In Debatten, die immer wieder von vorn beginnen. In „Strategien“, die nach jedem Quartal neu geschrieben werden müssen.
Sind diese fünf Elemente hingegen vorhanden, verändert sich nicht nur die Qualität deiner Strategie, sondern auch die Art, wie du Ressourcen einsetzt. Nicht weil du plötzlich mehr Zeit hast, sondern weil du weißt, worauf du sie nicht ver(sch)wendest.
Das löst das Ressourcenproblem nicht durch mehr Kapazität – sondern durch weniger Reibung. Wer weiß, wofür er steht (Positionierung), wer seinen Bestand kennt (Audit) und wer versteht, wann sein Publikum einen Inhalt braucht (Journey), entscheidet schneller, was er nicht produziert. Jede Nein-Entscheidung, die du auf dieser Grundlage treffen kannst, ist eine Ressource, die du nicht verbrauchst. Das Ressourcenproblem ist in den meisten Fällen kein Kapazitätsproblem, sondern ein Entscheidungsproblem.
Selbstdiagnose: Drei Fragen, die zeigen, ob du eine Strategie hast – oder nur einen Plan
Es bedarf keiner vollständigen Checkliste. Drei Fragen reichen, um sichtbar zu machen, ob die kritischen Elemente vorhanden sind – oder ob die Lücke offen ist, die diesen Artikel motiviert hat. Nimm dir für jede Frage einen Moment, bevor du weiterliest. Die ehrliche Antwort ist wertvoller als eine schnelle.
Indikator: Strategic Positioning + Content Audit vorhanden
Jeder hat Ideen, die er nicht umsetzt. Die Frage ist, ob du erklären kannst, warum nicht. „Keine Zeit“ ist kein strategischer Grund – es ist eine Ressourcenaussage. Strategisch wird die Entscheidung erst, wenn du sagen kannst: Dieser Inhalt passt nicht zu dem, wofür ich stehe – oder: Dieser Inhalt würde mein bestehendes Portfolio nicht stärken, sondern verwässern.
Wenn du einen Content Audit gemacht hast, weißt du, was du hast. Wenn du eine strategische Positionierung hast, weißt du, wofür du stehst. Zusammen ergeben sie den Filter, den du brauchst, um nicht nur zu entscheiden, was du als Nächstes tust – sondern was du bewusst sein lässt.
Porter (1996) nennt das die Essenz von Strategie: Nicht das, was du tust, macht eine Position verteidigbar – sondern das, was du bewusst nicht tust. Im Trade-offs-Artikel habe ich beschrieben, warum diese Entscheidungen im Content-Kontext so selten explizit gemacht werden. Hier zeigt sich, ob das bei dir anders ist.
Ich hatte den starken Impuls, einen Artikel über die RACI-Matrix zu schreiben – ein Modell zur Verteilung von Rollen und Verantwortlichkeiten. Das Thema ist relevant, und es gibt genug Anlass, darüber zu schreiben. Aber ich habe die Idee verworfen, weil der Einstiegspunkt falsch war: Ich schreibe keine Modell-zentrischen Artikel. RACI ist ein Tool, kein Problem oder eine Lösung. Mein Anspruch ist es stets, vom Problem oder zumindest einer Situation, in der du dich als Leser:in wiederfinden kannst, auszugehen – nicht vom Werkzeug.
Ein zweites Beispiel ist ein Überblicksartikel über die typischen Herausforderungen von Content-Verantwortlichen. Auch diese Idee habe ich nicht weiterverfolgt – allerdings aus einem anderen Grund. Das Thema ist relevant, aber die Architektur unpassend: Eine solche Liste kann nur eine Momentaufnahme sein, die schnell veraltet ist. Stattdessen adressiere ich diese Herausforderungen über alle meine Artikel hinweg – eben dort, wo sie tatsächlich relevant werden.
Beide Beispiele zeigen etwas, das in keiner Priorisierungs-Scorecard auftaucht: Die wichtigsten Nein-Entscheidungen fallen oft vor der Priorisierung, auf der Ebene der Positionierung. Dafür braucht es kein aufwendiges System – es braucht die Klarheit darüber, wofür du stehst.
2. Kannst du erklären, wie du dich inhaltlich von deinen Wettbewerbern unterscheidest?
Indikator: Competitive Analysis + Strategic Positioning vorhanden
Nicht: Wie unterscheidet sich dein Design, dein Ton oder dein Logo? Sondern: Wenn jemand deinen Content liest und den eines Wettbewerbers danebenlegt – was ist die Perspektive, die nur bei dir vorkommt? Welche Fragen stellst du, die andere nicht stellen? Welche Quellen ziehst du heran, die andere nicht kennen?
Wer diese Frage beantworten kann, hat eine Competitive Analysis gemacht, die über Marktbeobachtung hinausgeht. Wer sie nicht beantworten kann, beobachtet den Markt, analysiert ihn aber nicht – und das ist, wie ich weiter oben beschrieben habe, der entscheidende Unterschied.
„Mein Content ist besser“ ist dabei keine Antwort. Qualität ist kein Differenzierungsmerkmal, sondern eine Erwartung. Die Frage ist: Worin ist dein Content anders – und warum ist das für dein Publikum relevant?
Erstens die Haltung: Ich möchte mich als Berater überflüssig machen. Mein Ziel ist Befähigung, nicht Abhängigkeit. Wenn ich mit Content-Verantwortlichen arbeite, will ich sie in die Lage versetzen, ihre Probleme künftig selbst lösen zu können – nicht die Probleme für sie lösen. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, aber es verändert alles: vom Ton meiner Artikel bis zur Art, wie ich Beratungsmandate anlege.
Zweitens der Adressat: Ich arbeite mit Personen, nicht für Marken. Meine Zielgruppe sind Content-Verantwortliche, Teamleiterinnen, Spezialistinnen – Menschen mit konkreten Herausforderungen, die selbst nicht wissen, wie sie sie lösen können. Nicht Unternehmen, die ihre Marketingziele erreichen wollen.
Drittens die Denkweise: Ich hole mir meine Impulse bewusst von außerhalb der Content-Strategie-Disziplin. Porter, Rumelt, Kahneman, Pfeffer und Sutton – keiner von ihnen hat je über Content geschrieben. Aber ihre Konzepte erklären, warum Content-Strategien so oft scheitern, besser als jede Content-Marketing-Studie. Viele Beraterinnen und Berater in meinem Feld arbeiten tief in der Nische. Ich ziehe den Kreis bewusst weiter – auch durch meine Lehrtätigkeit, die mir Einblicke in Unternehmen verschiedenster Branchen gibt, nicht nur in eine spezialisierte Nische.
3. Hast du einen definierten Prozess, nach dem du über neue Content-Ideen entscheidest?
Indikator: Content Governance + Strategic Positioning als Filter vorhanden
Nicht: Hast du einen Redaktionskalender? Sondern: Wenn morgen drei Ideen auf dem Tisch liegen – nach welchen Kriterien entscheidest du, welche umgesetzt wird und welche nicht? Und könntest du diese Kriterien so dokumentieren, dass jemand anderes in deinem Team dieselbe Entscheidung treffen könnte?
Das ist der Governance-Test. Wer Kriterien hat, die er oder sie benennen kann, hat eine Entscheidungsgrundlage. Wer Ideen nach Dringlichkeit, Intuition oder internem Druck auswählt, hat einen Produktionsprozess – aber keinen strategischen Filter. In einem Team wird das besonders spürbar: Wenn die Kriterien nicht dokumentiert sind, trifft jedes Teammitglied Entscheidungen nach eigenem Maßstab – das erzeugt keine Inkonsistenz aus böser Absicht, sondern aus fehlendem Alignment. Die Kriterien müssen dabei nicht komplex sein. Ein Team, das gemeinsam definiert hat: „Tool-zentrische Artikel passen nicht zu uns, wir starten immer beim Problem“ – wie im RACI-Beispiel oben – hat bereits ein Governance-Prinzip, das im Alltag funktioniert.
Das bedeutet nicht, dass du ein perfektes System benötigst. Es bedeutet, dass du die Prinzipien kennst, nach denen du entscheidest – und du bereit bist, sie zu hinterfragen, wenn sie nicht mehr passen.
Ich nutze eine Datenbank, in der ich Artikelideen nach Kriterien wie strategischem Fit, Umsetzungsaufwand, erwarteter Wirkung und Portfolio Fit bewerte. Letzteres ist das Kriterium, das am ehesten Porters Konzept der Reinforcing Activities operationalisiert: Stärkt ein neuer Artikel die Artikel, die schon da sind – und wird er von ihnen gestärkt? Jeder Wert in der Datenbank ist dabei ein Signal, keine Vorschrift. Ein niedriger Portfolio-Fit-Score sagt dir „schwach“ – aber warum er schwach ist, beantwortet nur das Prinzip dahinter, nicht die Zahl.
Wenn eine Idee diesen Test nicht besteht, also wenn ich nicht erkennen kann, wie ein neuer Artikel die bestehenden stärkt und von ihnen gestärkt wird, dann arbeite ich nicht weiter daran – auch wenn die Idee inhaltlich spannend wäre, schnell umsetzbar und rein thematisch zur Positionierung passen könnte.
Dieses übergeordnete Prinzip ist stärker als jede Scorecard. Und es zeigt, warum Governance nicht erst im Team relevant wird: Auch für Einzelpersonen ist die Frage „Nach welchem Prinzip entscheide ich?“ der Unterschied zwischen einem wachsenden Portfolio und einer wachsenden Sammlung.
Wenn du bei einer dieser Fragen gezögert hast, ist das kein Scheitern. Es ist ein Signal. Du weißt jetzt, wo die Lücke liegt – und das ist mehr, als die meisten Content-Strategien leisten.
Wenn du merkst, dass du die Fragen zwar verstehst, aber bei der Umsetzung nicht weiterkommst, etwa wenn die Analyse steht, aber der Syntheseschritt nicht passiert, dann ist das genau die Art von Arbeit, bei der ein Blick von außen hilft – ich unterstütze dich gerne. Nicht um dir die Antworten zu geben, sondern um die richtigen Fragen so zu schärfen, dass du sie selbst beantworten kannst.
Aber eine Sache möchte ich dir noch mitgeben – etwas, das über die fünf Elemente hinausgeht:
Die analytischen Grundlagen dieses Artikels – Porter, Rumelt, Kahneman, Pfeffer und Sutton – kommen aus keiner Content-Strategie-Quelle. Das ist kein Zufall. Keiner von ihnen hat je über Content geschrieben. Was sie beschrieben haben, ist Strategie. Wettbewerbspositionierung. Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit. Die Kluft zwischen Wissen und Handeln.
Content-Strategie hingegen ist eine junge Disziplin. Ihre eigene Literatur beschreibt vor allem, was man tun sollte – Themen, Formate, Kanäle, Governance. Was sie seltener tut, ist, die eigenen Prämissen an den Prinzipien zu messen, die in anderen Disziplinen seit Jahrzehnten gedacht werden.
Der selbstverstärkende Kreislauf, den ich am Anfang beschrieben habe, dass KI-Tools den Konsens der Praxis aggregieren und zurückspielen, macht das konkreter als je zuvor. Wer nur innerhalb der eigenen Disziplin nach Antworten sucht, bekommt denselben Konsens bestätigt. Die Lücke wird unsichtbar, weil sie sich in den Quellen selbst versteckt.
Die produktivste Frage, die du dir als Content-Verantwortliche:r stellen kannst, lautet deshalb nicht: Was soll ich als Nächstes publizieren? Sondern: Was kann ich von einer Disziplin lernen, die nicht meine eigene ist?
Bloomstein, M. (2012). Content strategy at work: Real-world stories to strengthen every interactive project. Morgan Kaufmann.
Goodhart, C. A. E. (1975). Problems of monetary management: The U.K. experience. In Papers in Monetary Economics (Vol. 1). Reserve Bank of Australia.
Halvorson, K., & Rach, M. (2012). Content strategy for the web (2. Aufl.). New Riders.
Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.
Kissane, E. (2011). The elements of content strategy. A Book Apart.
Land, P. (2014). Content audits and inventories: A handbook. XML Press.
Pfeffer, J., & Sutton, R. I. (2000). The knowing-doing gap: How smart companies turn knowledge into action. Harvard Business School Press.
Porter, M. E. (1980). Competitive strategy: Techniques for analyzing industries and competitors. Free Press.
Porter, M. E. (1996). What is strategy? Harvard Business Review, 74(6), 61–78.
Rumelt, R. (2011). Good strategy / bad strategy: The difference and why it matters. Crown Business.
Strathern, M. (1997). ‘Improving ratings’: audit in the British University system. European Review, 5(3), 305–321. https://doi.org/10.1017/S106279870000259X
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Robert ist Autor des Bestsellers „Content Design“ (Hanser Verlag), unabhängiger Content-Stratege und Gründer dieses Magazins (ehem. „toushenne.de“). Daneben lehrt er Content-Marketing sowie Editorial Planning an der FH JOANNEUM. Mit über zehn Jahren Erfahrung aus dem Agenturgeschäft, E-Commerce- & SaaS-Unternehmen sowie zahlreichen Freelance-Projekten mit führenden Marken wie Adobe, Bike24 und contentbird, entwickelt er wirksame Strategien für die Optimierung des Content ROI.